24.8.07

Stoppt Strauss


Erinnert sich noch jemand an die Bundestagswahl von vor 5 Jahren, als wieder mal ein bayerischer Ministerpräsident den Sprung in die Bundeshauptstadt versuchte? Allerdings war der Aufschrei gegen Edmund Stoiber bei weitem nicht so laut wie 1980, als Franz-Josef Strauss Kanzlerkandidat war. Es gab Schwarzbücher mit Straußzitaten, Demonstrationen und natürlich "Stoppt Strauß"-Anstecker? Hat je einer einen "Stoppt Stoiber"-Anstecker gesehen, oder auch ein Lied gegen Stoiber gehört? Lieder gegen Strauß gab es mehrere, so wie diese Flexi-Disk, die ich vor wenigen Tagen fand. Zuerst dachte ich, es sei eine Montage aus Originalausschnitten aus Strauß-Reden, aber tatsächlich spricht nur ein Stimmenimitator aus dem Zusammenhang gerissene Zitate nach - was nichts an der Prägnanz des Textes ändert in Anbetracht der nach seinem Tod bekannten gewordenen Korruption des "großen Vorsitzenden" der CSU und Beherrschers der Lufthoheit über allen dumpf-deutschen Stammtischen:
Ich bin nicht von heut' / Der deutsche Richterbund hat festgestellt, Äußerungen von mir erinnerten an das Vokabular der Nazizeit / Die Waffen-SS ist selbstverständlich in meine Hochachtung eingebunden / Jetzt halten's den Mund, Sie Pfifferling, Sie / Diese Personen benehmen sich wie die Tiere, auf die die Anwendung der für Menschen gemachten Gesetze nicht möglich ist / Der Kult der Opposition darf in unseren Staat nicht weiter Schule machen / Der Erste, der damit anfängt, bekommt von mir persönlich einen Kinnhaken // Stoppt Strauß / Jetzt / Stoppt Strauß / Jetzt // Ich bin die Stimme der Partei / Bringen Sie Geld mit, dann dürfen's auch mitreden / Ich halte nichts von einer Umverteilung des bestehenden Vermögens / Die Einführung der paritätischen Mitbestimmung ist abzulehnen / Bei uns hat es immer mehr Privilegien und standesgemäß Denkende gegeben als anderswo / Ich bin nicht von heut' / Ich mache aber auch kein Hehl daraus, daß ich mich mit Vertretern der Industrie, der Banken und des Versicherungsgewerbes regelmäßig treffe / Jetzt halten's den Mund, Sie hirnloser Schreier, Sie / Jo mei Sie, Ruhe, Ru-he // Stoppt Strauß / Jetzt / Stoppt Strauß / Jetzt // Es ist nicht nur unverständlich sondern erschreckend, wenn die Zahl der Menschen wachse, die eine entschädigungslose Enteignung als die notwendige Antwort auf den Alleinherrschaftsanspruch der Unternehmer ansehen / Verkündet wird die Utopie einer total humanisierten, von allen Repression völlig befreiten Gesellschaft / Der Spiegel, die Gestapo des heutigen Deutschlands, der lügt, wenn er sagt, wer mich daran hindern würde an die Macht zu kommen, den würde ich umbringen / Ich habe die Ehre, mich als Führer des Rechtsparketts mit besten Empfehlung bringen zu dürfen / Halten's den Mund, Sie / Ruhe, Sie, Ruhe // Stoppt Strauß / Jetzt / Stoppt Strauß / Jetzt / Jetzt Stoppt Strauß

"Stoppt Strauß" (H.D. Sumpf)
Franz-Josef Strauß - eine Parodie aus Originalzitaten zusammengestellt von "Volks-Musik" 7 Stuttgart-1, Werastr. 8 und Freunden
7"-Flexi-Disc, 1976 (download)

Translation: This is a flexi-disc from 1976 with some kind of krautrock-song against the German right-wing politician Franz Josef Strauss, but without understanding German language it's a bit difficult to make sense from it. Too bad ;-)

22.8.07

Kapitulation 2

Hier sind ein paar (wieder)gefundene MP3s:








Die Ärzte "Satanische Pferde" live-cd for fanclub members only
download @ nix-pop.dl.am






Diesel Guitar "Stream Of Lights" originally posted by 194142434445
posted by What Fucked You?








Neil Young Meets Buffalo Springfield And The Squires (Unreleased Demos 1963 - 1968)
re-posted by Zero G









MC5 - Teen Age Lust (live)
re-posted by Zero G








Tighten Up - Volumes One & Two
re-posted by Zero G











James Last - Voodoo Party
posted by X-Y-Z-Cosmonaut's CosmoBlog


Und wie in "Kapitulation" versprochen hier der zweite Track von Graceland Takeaway, eine Version von "All Along The Watchtower" wie sie die Stranglers hätten machen können. Fragt mich nicht wie diese "Orgel-Solo" entstanden ist ;-) (download)

14.8.07

Brennende Langeweile - Update

Update: Nachdem ich gestern zufällig in ZDF-Nachtprogramm die Dokumentation "Punk im Dschungel" entdeckte hatte, stellte sich heraus, dass diese mit der mit bis dahin unbekannten deutschen Hardcore-Band "Cluster Bomb Unit" Teil einer kleinen Reihe zum Thema 30 Jahre Punk "Für immer Punk" ist - während arte schon seit Wochen 40 Jahre Summer Of Love feiert - und in den nächsten Wochen noch 3 weitere Beträge folgen, die im Gegensatz zu "Punk im Dschungel" Wiederholungen sind, aber trotzdem sehenswert:
20.08.07: "Pop Odyssee: House of the Rising Punk", sehr gute Dokumentation von Christoph Dreher von 1998; Dreher war früher Mitglied der Berliner Instrumental-Band Die Haut, die unter anderem mit Nick Cave, Lydia Lunch etc. zusammenarbeitete, und verantwortlich für die Dokumentationsreihe über aktuelle Musikströmungen "Lost in Music" von 1992-98.
27.08.07: "Störung Ost", eine schon wiederholt gelaufene Dokumentaion über Punk in Ost-Berlin, in der überraschenderweise auch John Peel auftaucht, etwas experimentell, aber inhaltlich sehr gut.
03.09.07: "Brennende Langeweile", alles weitere im nachfolgenden Posting!


Pärchen freundet sich mit Punk-Gruppe an - Fernsehspiel
Der arbeitslose Peter und seine 17jährige Freundin Karin aus dem Sauerland lernen bei einem Punk-Konzert in Dortmund ihre Idole kennen: die Adverts. Die beiden Jugendlichen freunden sich mit den Musikern an und verbringen auch die nächsten Tage und Nächte mit ihnen. Wenn sie wieder nach Lüdenscheid kommen, wird nichts mehr so sein, wie es einmal war.
Es spielen lan Moorse, Monika Greser, The Adverts, Roadent, Günther Marecki, Karl E. Scheydt, Susi Sonntag, Michael Dempsey, Gerd Stein, Ruth Bruck. Annemarie Werkmeister
Das kleine Fernsehspiel Studioprogramm
Buch und Regie: Wolfgang Büld
Wolfgang Büld wurde 1952 in Lüdenscheid geboren. Nach einem Studium an der Film- und Fernseh-Hochschule in München drehte er seit 1975 die Kurzfilme "Nur die Sehnsucht bleibt" und "Nur ein kleines bißchen Liebe" sowie die Musikdokumentationen "Punk in London" und "Reggae in Babylon".
Die Gruppe "Adverts" wurde Anfang 1977 von TV Smith und seiner Freundin Gaye Advert gegründet. Sie gehörte zu den ersten Bande, die im legendären Punk-Club "Roxy" in London auftraten. Im Fernsehspiel ist immer wieder ihr Titel "Bored Teenagers" (Gelangweilte Teenager) zu hören. (Quelle: Fernsehwoche 11.1.1979)



Die Bassistin ist verschwunden. in dieser Situation entpuppt sich Karin unerwartet als Naturtalent an der Bassgitarre: Monika Graser


Punkrocker
Er ist 18 Jahre alt, arbeitslos und heißt Peter. Seine Freundin, die l7jährige Karin, ist Friseuse. Die beiden leben in einer Kleinstadt im Sauerland. Nichts scheint den grauen Alltag des Paares zu verändern. Erst als die Punkrockband "Adverts" nach Deutschland kommt, wird das Leben von Peter und Karin anders. "Brennende Langeweile" heißt die ZDF-Sendung, die am 11. Januar um 22.05 Uhr ausgestrahlt wird. Peter wird von dem l9jährigen Ian gespielt.
Ian, der die 13. Gymnasiumsklasse besucht, hat schon mehrere kleine Rollen gespielt. Wie soll es nach dem Abitur weitergehen? Ian: "Ich werde an die Münchener Filmhochschule gehen. Vielleicht werde ich mal Regisseur wie mein Vater."
pwe (Quelle: Musik Joker 1979)


Ian Moorse und Monika Greser in "Brennende Langeweile"


Als dieser Film 1979 im ZDF lief war ich elektrisiert, passte er doch wie die Faust aufs Auge zu meinem damaligen Lebensgefühl (und die Fernsehkritik aus der H.A.Z. lag im Gegensatz zu den meisten damaligen Artikeln über Punk nicht komplett neben der Spur). Ein Dutzend Jahre später, als ich es endlich geschafft hatte mir eine Videokopie des Films zu besorgen, fand ich den Film beim Wiederansehen unerträglich. Heute kann ich ihn mir wieder anschauen, auch wenn einige Szenen mir nach wie vor die Zehennägel umdrehen, aber das ist mein persönliches Problem. Eigentlich ist der Film ein gutes Portrait der kleinstädtischen BRD und ihrer Jugend vom Ende der 70er Jahre, aber ebenso auch der damaligen Filmästhetik - endlos lange Einstellungen und wenig Kameraschwenks. Was den Film aber darüber hinaus noch interessant macht ist das Mitwirken der Adverts (englische Punkband als Hinweis für diejenigen, die googlen müssen anstatt sich erinnern zu können). Trotz teilweisem overacting präsentieren sie englischen Punk viel weniger wild als die deutschen Medien uns damals einreden wollten (wobei sich der legendäre Clash-Roadie Roadent als echtes Schauspieler-Talent entpuppt). Und noch besser: der Film enthält Ausschnitte aus 3 verschiedenen Konzerten der Adverts während ihrer Deutschlandtournee 1978. Der Filmsound klingt zudem ziemlich anders als die offiziell von RCA veröffentlichte Live-Aufnahme von "New Church" (auf der B-Seite von der großartigen "My Place"-Single). Kann sein, dass es sich um Tonaufnahmen des Filmteams handelt, um andere Mixe oder gar andere Konzerte in West-Deutschland. Jedenfalls habe ich den Verdacht, wenn RCA mal in sein Archiv runtersteigt, dass sich da noch eine ganze Live-LP der Adverts finden lassen könnte. Kommissar Campino (die Toten Hosen bringen ja die neuen Platten des Adverts-Sängers T.V.Smith raus), übernehmen Sie (falls Sie Zeit zwischen ihren Theaterauftritten haben, alle Google-Links zu ihrem Namen abzuchecken und dann auf diesen nichtswürdigen Blog-Eintrag stoßen sollten)! Kommentare erwünscht.


The Adverts live in Germany "Gary Gilmores Eyes" / "Love Songs" / "Televisions Over" / "I Surrender" / "Soundcheck" / "Great British Mistake" / "New Church" aus dem Fernsehfilm "Brennende Langeweile" außer "New Church": B-Seite der "My Place"-Single (download)


Fernsehkritik
Geht an die Substanz
"Brennende Langeweile" im Zweiten Fernsehen
Wolfgang Büld kennt sich aus in der "Punk -Szene: Das ist eine der bestimmendsten Voraussetzungen für diesen spielerischen Blick hinter die Kulisse des Underground-ShowBusiness. Dazu kommt, daß Büld die Stimmungslagen seiner jungen Protagonisten bei aller wohlbelassenen Laienhaftigkeit äußerst einleuchtend inszenieren kann.
Die Leere, dieser Betäubungsrummel aus Überdruß an den üblichen kleinkarierten Gefangennahmen des gesellschaftlichen Prozesses, die Verlassenheit und die Unsicherheit im Umgang miteinander, die nur scheinbar überwunden werden im forschen und direkten Kumpelton: Büld hat einen Blick für Valeurs, wenn er dies alles zeigt.. Schließich auch für den Protest gegen die alles kommerzialisierende Leistungsgesellschaft, die aber wiederum keine ausreichenden Möglichkeiten für die Jugendlichen bietet, sich selbst zu verwirklichen. Der Protest, den sie anzetteln, wird aber immer sogleich wieder vermarktbar gemacht von cleveren Geschäftemachern.
Büld geht in "Brennende Langeweile" gleich in medias res, entwickelt nicht lange Exposition, Durchführung und dramatisches Ende, nein, hier wird von Lethargie, von stumpfsinnig lauten Protestrhythmen gehandelt und von Leuten, die abgedriftet sind in eine Art Hilflosigkeit, die den anderen, den angeblich Etablierten, die Möglichkeit bietet, sich mit ihren Vorurteilen auf diese jungen Leute zu stürzen. Die Managementzähmungsversuche, die Einbrüche der Ordnungshüter sind zwar nicht sonderlich originell, aber doch sehr einfühlsam in Szene gesetzt: Keinen weiteren Vorurteilen wird Vorschub geleistet.
"Brennende Langeweile' vermittelt in offener Weise ein impressionistisches Stimmungsbild von einer Gruppe am Rande dieser Gesellschaft, die allerdings schon an die Substanz dieser Gesellschaft heranreicht.
Tsr. (Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung 13.1.1979)



Summary: The Adverts met the German filmmaker Wolfgang Büld in 1977 in London where he made the documentary "Punk in London". They met again in 1978 during concerts of The Adverts in Germany where the band acted for Bülds movie "Brennende Langeweile" ("Burning boredom") as themselves, a british punk band on tour in Germany. The movie is not that bad, it's a good documentary about German youth culture in small towns in the late seventies, although the storyline is a bit weak. But more interesting are the scenes from 3 different shows The Adverts played and the soundtrack which includes 5 songs but not "New Church", the flip side of the "My Place"-7". More stupid pictures shot from the tv screen included with the mp3-files. Please comment after downloading.


PS:Brennende Langeweile © Kino im Sprengel

Wie der Punk nach Deutschland kam: der erste deutsche Spielfilm zum Thema Punk mit der britischen Band "The Adverts".

Zwei Jugendliche aus dem Sauerland reisen der Punk-Gruppe "The Adverts" nach, die erstmals durch Deutschland tourt: Sie wollen wissen, wie ihre Vorbilder leben. Authentisch und voller Energie zeichnet der Film das Bild einer Jugend in der Provinz und zeigt, wie die Punk-Musik nach Deutschland kam.

Nach dem Musikfilm "Punk in London" war "Brennende Langeweile" der erste Spielfilm von Wolfgang Bueld. Hauptdarstellerin war Gaye Advert, Sängerin und Bassistin der Adverts. Sie war "derartig schüchtern, dass sie noch nicht einmal zu einer Kussszene mit ‘Darsteller’ Ian Moorse zu überreden war.

Gedreht wurde 1978 während der Nachwehen der RAF-Panik im Raum Köln und in Buelds Heimatstadt Lüdenscheid ‘Lüdenskeid’. Das Team wurde bei jeder Fahrt über die Autobahn x-mal mit vorgehaltener H&K Mpi 5 kontrolliert, was bei den Engländern den Eindruck verfestigte, dass sich in Deutschland seit 1933 nicht so viel verändert hat.

Eintritt: 4 Euro
Termine:
Do. 28.12.2006 - 29.12.2006, 20:30 Uhr
Kino im Sprengel, Klaus-Müller-Kilian-Weg 1, 30167 Hannover
Telefon: 0511 - 703814
Fax: 0511 - 703841
Email: info@kino-im-sprengel.de
Internet: http://www.kino-im-sprengel.de
Weitere Links zum Thema:
www.kino-im-sprengel.de (anderer link)


(originally postet on 17.12.06)

12.8.07

Westdeutsche Christen


Wie die Caprifischer standen die Westdeutschen Christen schon seit längerer Zeit auf meiner to-do-Liste. Die Band kam aus Berlin und veröffentlichte eine Maxi-Single über Heinos Scheissladen, die ich wieder verkauft habe, weil sie unorganisierter punkiger Rock ohne Anfang und Ende und erkennbare Songstrukturen war. Ihre LP auf Good Noise fand ich aber klasse, weil sie für mich das deutsche Äquivalent zu Joy Divisions "Closer" ist und einen ähnlichen unfertigen Charme hat. Beim Recherchieren nach weiteren Informationen zu der Band stieß ich allerdings auf eine Plattenkritik aus SoundS vom Juli 1982 und danach scheint es sich eher um den tragischen Fall einer Band zu handeln, die nie gewusst hat, was sie eigentlich machen will, und alle 5 Minuten ihren Stil änderte - was aber nichts an der Größe ihre LP ändert. Wie immer interessiert mich Eure Meinung dazu.

Westdeutsche Christen
Good Noise
Von Thomas Buttler
Mein Vorschlag: Erst die Platte hören, dann die Band live ansehen. (Nächste Möglichkeit im September.) Auf keinen Fall anders vorgehen. Die Band hat sich inzwischen selbst überholt und dabei stark verbessert. Man wird insofern angenehm überrascht.
Das Album, im Februar entstanden, ist eigentlich nicht mehr als eine kurze Momentaufnahme. Anklänge zu heute sind zwar vorhanden, aber noch nicht ausgebaut. Vor allem Sänger Michael Cholewa singt merkwürdig nachlässig, fast daneben und beinah störend nach vorne gemixt. Immerhin läßt die musikalische Grundstruktur bereits deutlich die Stärken und Vorlieben der Band erkennen. Drive, Kraft und ungeheure Dynamik. Die Westdeutschen Christen kommen mit ihrer Platte zu einer Zeit auf den Markt, in der es äußerst riskant ist, überhaupt noch Mühe, geschweige denn Geld in eine unpoppige, sprich nichtkommerzielle neu-deutsche Produktion zu stecken. Das Album der Christen ist ein nichtkommerzielles. Das Dilemma dabei ist: hätten die Christen drei Monate mit der Aufnahme gewartet, wären sie heute die schärfste Funk-Band der deutschen Welle. Auf Platte und live. So sind sie es nur auf der Bühne. Es gibt dennoch zwei Nummern, "Monoton" und "Leiden", die einen guten knalligen Eindruck machen und höchstens die unangenehme Frage aufwerfen, ob Funk nicht bis zur nächsten Platte der Christen Schnee von gestern ist. Ich denke, die Antwort kann ich mir hier sparen. Die Christen hätten sich Zeit lassen sollen. So sind die guten Ansätze zu einer modernen Band erstmal in den Sand gesetzt.


Westdeutsche Christen
Ich möchte mit dir tanzen / Ich höre deine Schritte / Das Schöne im Leben / Spielende Kinder // Endzeitlust / Monoton / Leiden / Ich schau mich um / Liebeslied
Thomas Cholewa - Gitarre / Michael Cholewa - Stimme, Piano / Ekkehard Nax - Bass / Karsten Thorwald - Synthesizer / Michael Kern - Schlagzeug / Produziert von Manfred Schiek und Gerd Peeckel / Mischung von Frank Osterland und Harris Johns
Good Noise VGNS 2009, LP, 1982 (download)

Translation: Without many words: this is the German equivalent to Joy Divisions "Closer"! If you (dis)agree I'd like to see your comments!

11.8.07

Plastiktanz - Update


"Das Rauschen ist zwar nicht zu überhören, aber Plastiktanz, eine neue Hamburger Gruppe, haben sich alle Mühe mit ihrer selbstgebastelten Vierspur-Produktion gegeben, moderne deutsche Musik zu machen: gedrechselte, kalkulierte, verhaltene Instrumentierung, Texte mit Anspruch - wortkarge Wortspielereien mit zu gewolltem Tiefgang: ‚Wir haben nichts, wir geben nichts'." So schreibt Alfred Hilsberg in Sounds 8/81 über die einzige Single dieses Projekts. Ob die Mitwirkenden je aufgetreten sind? Keine Ahnung, aber sie haben sicher sehr oft die japanischen Plastics gehört, denn die klanglichen Übereinstimmungen mit deren "Copy"/"Robot"-Single auf Rough Trade sind unüberhörbar - dafür ist der Gesang schön teutonisch.

Plastiktanz
"Wir sind rein" // "Kontonummer" / "Mir geht es danke gut"
Musik für festliche Stunden 1981 präsentiert: Georg Batschi: Gitarre, Synth. / Günter Bernas "Baß, Synthesizer / Liane Deutschmann: Gitarre, Synth. / Thomas Hering: Schlagzeug / Tjark Kunstreich: Gesang / Cover: Renate Langer / Kontaktadresse: Bernas, Hofweg 21, 2000 Hamburg 76, Tel. 223558
66.10218-01, (p) 1981, Single
(download)

Summary: Plastiktanz is a band from Hamburg, which released only 1 Single in 1981. I don't know if they ever performed live, but their sound has a lot in common with the Japanese Plastics and their "Copy"/"Robot"-7" on the Rough Trade-Label - except for the teutonic vocals.

Update:
Vor einiger Zeit erreichte mich folgende E-Mail, die ich Euch nicht vorenthalten möchte:
Hallo martinf,

ich war erstaunt, dass nach so langer Zeit und einer relativ kleinen Auflage der Single "Wir sind rein", unsere Musik tatsächlich heute noch Gehör findet.

Vor über einem 1/4 Jahrhundert war der Einfluss internationaler Bands lange nicht so entscheidend wie es heute angenommen wird. Die Infos konnten nicht aus dem Internet bezogen werden sondern beschränkten sich tatsächlich auf das örtliche Umfeld (was in Hamburg durch die Tätigkeit von A. Hilsberg nicht schlecht war) und dem Besuch von raren Auftritten von Bands.
Tonmaterial gab es nur in Form von Kassetten und Vinyl, deren Produktion damals teuer war Der Vertrieb war nur durch wenige, eigenständige Labels machbar.

Wir haben die Titel tatsächlich mehrere Male live gebracht, unter anderem "open air" im Hamburger Stadtpark, im Knust und bei Stadtteilfesten.
Als mehr oder weniger "exotisch neu" wurden diese Gigs relativ häufig in Musiksendungen im Hörfunk und TV gebracht - zu dieser Zeit war das schon erstaunlich.
Die Resonanz war recht unterschiedlich, der Musikstil war den meisten zu dieser Zeit fremd und ungewohnt.

Ich hab tatsächlich noch einige Dutzend neuer Scheiben in meinem Archiv ausgegraben und werde sie mir demnächst zu Gemüte führen.

Gruß Georg (Gitarre, Synthies bei PLASTIKTANZ, REINER WAHNSINN etc.)


("Plastiktanz" originally posted on 04.08.06, 10:00)

8.8.07

Made in Germany


"Made in Germany" ist eine Ausstellung mit Werken jüngerer Künstler, die in Deutschland arbeiten. Verteilt über 3 Institutionen in Hannover ist die Ausstellung gut an einem Tag zu erwandern und sie hinterlässt nicht einen solchen Brummschädel wie ein Tag documenta in Kassel. Das soll nicht heißen, dass die Kunst leichtgewichtig ist, auch wenn teilweise der technische Aspekt einzelner Werke mehr Bewunderung auslöst als die inhaltliche Aussage wie z.B. bei dem selbstgebauten Klavier aus Sperrholz in der Kestnergesellschaft (es klingt!) oder dem Wasserstrahldrucker im Künstlerhaus. Insgesamt hinterlässt die Ausstellung ein positives Gefühl, ein echtes Glücksgefühl erzeugt aber die Installation "King (A Portrait of Michael Jackson)" von Candice Breitz: 16 Leute singen und tanzen jeweils einzeln zu dem gesamten Album "Thriller" von Michael Jackson, zu hören ist aber nur ihr Gesang. Alle 16 Videos laufen gleichzeitig nebeneinander und erzeugen einen teilweise schiefen aber immer enthusiastischen Chor. Interessanterweise versuchen die Männer meist die Tanzbewegungen von Michael Jackson nachzuahmen während die Frauen sich freier bewegen, darunter eine Bauchtänzerin aber auch zwei Salzsäulen. Für Menschen, denen "Thriller" nicht geläufig ist, mag das alles konfus und anstrengend erscheinen, aber Pop-Kultur-erfahrene Menschen erleben hier noch bis zum 26. August einen echten Höhepunkt.

Translation: If you heard about Candice Breitz's "King (A Portrait of Michael Jackson)" which consists auf 16 videos of various people singing and dancing to the complete "Thriller"-album by Michael Jackson but haven't seen it until now you have the chance to see this great piece of art in Hannover as part of the exhibition "Made in Germany" until August 26. Highly recommended!

5.8.07

Caprifischer


Diese LP stand schon seit einiger Zeit auf meiner to-do-Liste, weil sie vermutlich kaum einer kennt. Das Berliner Good Noise-Label brachte von 1981 bis 1985 etwa 25 LPs heraus, die in den näheren Bereich der ndW fallen, unter anderen von PVC und den Neonbabies, die DDR-Untergrund-LP "Live in Paradise", den "Bandsalat"-Sampler u.a. mit Foyer des Arts und den Einstürzenden Neubauten, sowie Odessa mit Jürgen Dehmel und Jörn-Uwe Fahrenkrog-Petersen, die später bei Nena landeten. Auch bei den Caprifischer gibt es die Nena-Connection, nämlich Rainer Kitzmann spielte früher mit Frau Kerner bei den Stripes und Frank Becking war der Produzent der ersten Stripes-Single. Bei den Caprifischern vermischen sie ndW mit Twang-Gitarren, sozusagen die milde Version von Nichts. Die LP ist total vergessen - wie so viele andere auch, aber eigentlich sehr schön. Was meint ihr dazu?

Caprifischer
In den Sternen verschollen / Caprisonne, Caprieis / In der Nacht ist der Mensch nicht gern allein / Weißt Du / Spiel Dein Spiel // Nein, nein, nein / Nimm mich / Fernweh / Wir fliehn für einen Tag / Haie
Heike Grumpe - Gesang / Frank Becking - Gitarre / Rainer Kitzmann - Gitarre / Uwe Himmelrath - Bass / Helmut Voigt - Schlagzeug / Produziert von Manfred Schiek und Gerd Peeckel / Mischung: Frank Becking
Good Noise VGNS 2008, LP, 1982 (download)

Translation: Caprifischer came from Hagen/West-Germany, hometown of Nena "99 red balloons" Kerner, and both men responsible for the first record of The Stripes, where Nena made her record debut, play guitar on the only album Caprifischer ever made. It's a fine mixture between ndW and some twangy guitars.

3.8.07

Monstrance live at the BBC


One of the best CDs I bought in the last months was the Monstrance 2-CD-Set which consists of over 80 minutes of purely improvised music by Andy Partridge, Barry Andrews and drummer Martyn Barker. It's the stuff that the Necronomikon Quartett would leave speechless and make them sell all their instruments. The most interesting stuff is what Andy Partridge does with his guitar, because he never showed much of his abilities with XTC where Dave Gregory played all the tricky bits. But where Gregory is very much rooted in Sixties music Partridge has his roots in also avantgarde jazz (and Captain Beefheart) so Monstrance is quite a departure from the sound of XTC and even more far out than what Partridge recorded with Harold Budd years ago. So I was really excited when I heard that Monstrance will perform live on BBC Radio 6. In fact they didn't play live but Andy gave them a CDR with 3 newly improvised pieces and BBC broadcasted them on Stuart Maconie's Freak Zone on Sunday 29 July 2007. If you missed the show you can download them here. Enjoy - and buy the Monstrance-CDs. Comments are welcome as always.
PS: Ape House is looking for artists, more here...
PSS: I've deleted the download-link because the files are now officially available for download through Andy's lable APE. Buy them!


Übersetzung: Eine der besten CDs der letzten Monate war die Doppel-CD "Monstrance" von Andy Partridge, Barry Andrews und dem Schlagzeuger Martyn Barker. Über 80 Minuten völlig frei improvisierte Musik mit einem Andy Partridge der weitab vom Sound von XTC hier sein Interesse an spacigem Avantgarde Jazz auslebt. Für Stuart Maconies "Freak Zone"-Sendung auf BBC gingen Partridge, Andrews und Barker wieder ins Studio und stellen 3 neue Improvisationen zur Verfügung, denen sie die Titel "I Am A Cow Devil", "Smelt Me Into Steel A Hundredfold" und "Children Love Our Dear Helmsmen" gaben, die am 29.7.2007 gesendet wurden und die ich Euch hier zum download anbiete. Kauft die Monstrance-Doppel-CD und hinterlasst Kommentare!
PS: Ape House sucht noch Künstler...
PPS: Da die Musik jetzt auch offiziell bei Andys Label APE zu bekommen ist habe ich das Download-Link entfernt. Ich unterstütze nicht die Idee, dass nur hungernde Künstler gute Musik machen ;-)

1.8.07

Bring mir keinen Stamm heim

Bisher unveröffentlichte Originaltöne von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe aus den Stammheim-Prozessen, die im Staatsarchiv Ludwigsburg aufbewahrt wurden, hat der Rundfunksender SWR2 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, allerdings nur als Stream und der Server ist gelegentlich etwas überlastet, deshalb hier als download im Mp3-Format. Bei den veröffentlichten O-Tönen handelt es sich um einmalige historische Dokumente, die zwischen Oktober 1975 und Mai 1976 während der RAF-Prozesse in Stuttgart-Stammheim aufgenommen wurden. Zu hören ist unter anderem die letzte Aussage von Ulrike Meinhof vor ihrem Selbstmord, ein Statement von Andreas Baader, von dem bisher keine Originaltöne bekannt waren, zum Thema Isolationshaft, Jan-Carl Raspe zu den Haftbedingungen und Gudrun Ensslin zur Verantwortung der RAF.


Zitat Andreas Baader:
"Das ist nämlich einer der Ablehnungsgründe, dass Ihre Disposition die ist, und das ist uns heute Morgen klipp und klar mitgeteilt worden: Die Alternative für uns ist die Möglichkeit zeitweiligen, wie es heißt, rechtlichen Gehörs hier, Anwesenheit in der, in der, in dieser Veranstaltung hier, und dafür den Preis zu zahlen, fünf oder sechs Stunden Isolation da unten in den Zellen. Oder drüben Umschluss, das heißt, diese minimalen Modifikationen der Isolation, die Sie drüben eingeräumt haben. Und wir haben also, was Sie großartig öffentlich haben verkünden lassen, das haben Sie im Zusammenhang mit der Fortsetzung der Hauptverhandlung vollständig wieder liquidiert. An drei Tagen in der Woche, drei Tagen in der Woche ist hier Verhandlung, findet praktisch kein Umschluss statt, findet kein Hofgang statt, schon gar kein verlängerter, ist die Situation für die Gefangenen die, dass sie in schallisolierten, schalltoten fensterlosen Zellen vier oder fünf Stunden am Tag sich aufhalten müssen. Und zwar vollständig isoliert, also auch der Umschluss zu zweit, den Sie ja inzwischen zugestanden haben, ist da unten wieder liquidiert, wie wir festgestellt haben heute. (...)
Na ja. Aber wir machen das kurz. Ablehnung, das ist ja sowieso eine Lächerlichkeit bei dem Senat ... man wird ihn in jedem Fall hier nicht loswerden. Aber dazu wollte ich einfach nur mal kurz feststellen: Wir sind sicher, Prinzing , dass Sie hier auch an Ihrem eigenen Urteil arbeiten.
Der Versuch, in diese Verhandlung hier Ihren politischen Inhalt, in dieser Verhandlung Ihren politischen Inhalt zu artikulieren, und Ihre Methoden und Ihre Bedeutung stützt sich auf den Widerspruch, wesentlich, zwischen Ihrem Beschluss, in dem Sie versucht haben, uns loszuwerden, uns aus der Verhandlung zu drängen hier, nach allen anderen Versuchen, die Verteidigung zu zerschlagen in diesem Verfahren und die Gefangenen verteidigungsunfähig zu machen, auch noch den Versuch, abrupt die Anklagebank leerzuräumen, um nicht hier mit dem, was wir zu sagen haben, konfrontiert zu sein, und dem Beschluss, äh, des Bundesgerichtshofs. Also, in diesem Widerspruch zwischen diesen beiden Beschlüssen, ist er ja zum Teil begründet.
Er ist auch wesentlich darin begründet, und ich nehme an, dass ich das heute nicht zu Ende bringen kann, dass Sie Ihren Beschluss auf Fälschungen stützen, explizit Fälschungen - und zwar bewusste Fälschungen, auf Verfälschungen und falsche Zuordnungen. Das sind so die drei Muster. Ich würde das für einen zwingenden Ablehnungsgrund halten, weil durch diese Methodik klar wird, dass Sie auch in der Beweisaufnahme so verfahren werden. Also, insofern sind beides Ablehnungsgründe, die Verfälschungen, das heißt die Methode eines Gerichts, mit Verfälschungen einen Beschluss zu begründen, der die Gefangenen jeglichen rechtlichen Gehörs, jeglicher Verteidigungsmöglichkeit berauben soll. Und natürlich auch der ungesetzliche Ausschluss in diesem Beschluss selbst."


Zitat Jan-Carl Raspe:
"Ich stell zunächst mal nur fest, dass Ihre Methode der Verhandlungsführung heute tatsächlich auch ne neue Qualität angenommen hat. Was Sie hier tun, ist tatsächlich nur noch: Deckel drauf! Aber ansonsten fahre ich fort mit der Begründung der Ablehnung. Falsch ist, dass die Auswirkungen der Isolation den verantwortlichen Stellen verdeckt geblieben wären. Nichts war verdeckt.
Es gab Januar '73 die Stellungnahmen von drei Gefängnisärzten in Ossendorf, als Ulrike seit siebeneinhalb Monaten im Trakt war, die ohne Untersuchung erklärten: Psychosomatische Schäden sind bei der Art von Unterbringung, nämlich in akustischer Isolation, unvermeidlich. Aus psychiatrischer Sicht sei die Grenze der Belastbarkeit erreicht, einfach weil die Auswirkungen der Isolation angefangen hatten, sichtbar zu werden.
Ulrike konnte bei Besuchen nicht mehr sprechen. Außerdem ist in unzähligen Anträgen der Anwälte auf Ärzte unserer Wahl auf Aufhebung der Isolation erklärt und mit präzisen wissenschaftlichen Argumentationen nachgewiesen worden, dass die Auswirkungen der Isolation für jeden nach einer bestimmten Zeit katastrophal sind."


Zitat Ulrike Meinhof:
"Ich will mal sagen, es sind drei Ausnahmegesetze für das Verfahren gemacht worden. Und alle drei Verfahren, alle drei Ausnahmegesetze, Sondergesetze, sind in diesem Verfahren exemplarisch gebrochen worden, durch eine extensive Ein-, extensive Auslegung, von der also jeder sehen kann, dass es dabei nicht mehr um irgend wie eine Anwendung von Gesetzen geht, sondern um die Exekution bestimmter, oder um die Durchsetzung bestimmter Ziele, die Rationalität überhaupt nirgendwo mehr haben, in irgendeiner Form, höchstens in der Absurdität, noch als irgendwie rechtsstaatlich behauptet zu werden.
Rational und logisch ist das, was Sie hier machen, indem Sie also bei Andreas den fünften beziehungsweise sechsten Anwalt rausfeuern, logisch und rational ist das präzise, das Vorgehen und die Struktur eines Kriegsgerichts, beziehungsweise, hier ist es vielleicht genauer zu sagen: eines Polizeigerichtsverfahrens.
Indem Prinzing natürlich ein Interesse daran haben muss, dass die Verteidigung sich unter gar keinen Umständen, die er zerschlagen hat, sich unter gar keinen Umständen wieder rekonstruieren kann, aus dem einfachen Grund, dass er natürlich öffentlich, vor der Öffentlichkeit des Verfahrens, je mehr er in diese aufgetürkte und lächerliche Beweisaufnahme reinkommt, Angst haben muss. Aber ich stelle einfach noch mal fest: Bei Andreas sind Croissant, Ströbele, Groenewold ausgeschlossen worden übers Verteidigerausschlussgesetz und auf einem Weg, und aus dem ganzen Verfahren ausgeschlossen, auf einem, auf dem Weg einer Interpretation, die das Gesetz, äh, und, also dann noch mal, um den Fall Andreas, um die Sach..., um dieses Ziel, bei Andreas alle Anwälte wegzuknallen, gebogen worden ist.
Haag ist illegalisiert worden und auf diese Weise hat Andreas ihn als Anwalt verloren. Gegen Heldmann läuft inzwischen ein Ehrengerichtsverfahren, und zwar läuft es in Frankfurt bei dem Ehrengericht der Anwaltskammer, von dem Bransch, der Vorsitzende dieses Vereines vor ein paar Monaten im Rahmen einer Rundfunkdiskussion einmal gesagt hat, dass jetzt die Ehrengerichte mit Anwälten besetzt wären, die bereit sind, exekutive Funktionen für die Bundesanwaltschaft zu übernehmen. Im Gegensatz zu denen, die diese Funktion bisher gehabt haben, und die damit gezögert haben, den Säuberungsprozess im Sinne des Staatsschutzes der Anwaltschaft durchzuführen. Bei einem solchen Ehrengericht läuft also jetzt das Ehrengerichtsverfahren gegen Heldmann, das wäre der Fünfte. Und Temming ist der sechste Anwalt, den Sie bei Andreas ausschließen wollen.
Und da kann man einfach kurz sagen: Das Ziel hat eben mit allen diesen albernen und lächerlichen Begründungen, Bundesverfassungsgericht und so 'nem Scheiß, überhaupt nichts zu tun. Es hat überhaupt nur mit den polizeitaktischen Zielen, die die Bundesanwaltschaft hier verfolgt und die Herold mal auf den Begriff gebracht hat: 'Zellen dicht zu machen', was zu tun. Und es hat damit was zu tun, dass sie das ganze Verfahren hier in den letzten drei Monaten auf Andreas zuspitzen, weil es ein polizeitaktisches Ziel natürlich in Counter-Insurgency-Auseinandersetzungen und im Anti-Guerilla-Krieg ist, die Köpfe abzuschlagen. Und das meinen wir ganz konkret und wissen ja auch, dass es schon versucht worden ist."


Zitat Gudrun Ensslin:
"Wenn uns an der Aktion der RAF '72 etwas bedrückt, dann das Missverhältnis zwischen unserem Kopf und unseren Händen und den B-52. Hier noch mal einfach: Wir sind auch verantwortlich für die Angriffe auf das CIA-Hauptquartier und das Hauptquartier des 5. US-Korps in Frankfurt am Main und auf das US-Hauptquartier in Heidelberg, insofern wie wir in der RAF seit '70 organisiert waren, in ihr gekämpft haben und am Prozess der Konzeption ihrer Politik und Struktur beteiligt waren. Insofern sind wir sicher auch verantwortlich für Aktionen von Kommandos, zum Beispiel gegen das Springer-Hochhaus, deren Konzeption wir nicht zustimmen und die wir in ihrem Ablauf abgelehnt haben.
Zu erwägen ist nicht ein Widerstandsrecht in der Bundesrepublik, wie es hier nicht um Rechte geht, sondern was die Politik der RAF ausdrückt, ist das Bewusstsein der Pflicht zum Widerstand in der Bundesrepublik. Und das exakt war zwei Tage lang der Inhalt unserer Erklärung zur Sache, wie das heißt.
Also nicht nur die Erklärung von Verantwortung, sondern was Verantwortlichkeit gegenüber imperialistischer Politik nur sein kann: Widerstand, Kampf. Das hat der Text, der im Januar hier gekommen ist, artikuliert. Das Gericht hat ihn ignoriert. Eine Reaktion, die nur zwei Deutungen zulässt: Sie haben nichts verstanden, aber wahrscheinlicher: Prinzing darf die Veranstaltung nicht abkürzen, weil sie von der Dramaturgie des Bundestagswahlkampfes bestimmt ist."


Zitat Andreas Baader:
"Ja, ich finde das auch sehr erstaunlich, denn das ist ja eigentlich eine Erklärung, die eine erhebliche Relevanz hat. Sie haben, ich stelle das hier nochmals fest, Sie haben ignoriert, was wir hier zwei Tage vorgetragen haben. Nämlich die Darstellungen von Verantwortung und Verantwortlichkeit, bezogen auf Ihr Ritual hier. Und sie ignorieren es jetzt wieder, das heißt Sie versuchen, eine einfache Erklärung dazu, drei Sätze, die im Grunde wirklich das Ungeheuer, dem Sie hier vorsitzen, füttert, die unterbinden Sie einfach. Das ist wirklich sehr interessant. Wir glauben inzwischen, dass Sie diesen Prozess hier gar nicht abkürzen können.
Nun hören Sie doch mal auf zu grinsen!
Egal, was immer sich hier ereignet, gar nicht abkürzen können, weil er tatsächlich vollkommen bestimmt ist von der Dramaturgie des Bundestagswahlkampfes. Darauf ist dieser Prozess bezogen, das ist anzunehmen zumindest. Deswegen ist gar nicht relevant, was hier gesagt wird, was hier für Zeugen auftreten, das alles spielt überhaupt keine Rolle. Es läuft, es rollt die leere Fassade.
Aber ich wollte noch mal sagen: Die Anträge sind möglich, weil sie zwei Zusammenhänge vermitteln. Sie fassen, erstens, wenn es überhaupt juristisch möglich ist, etwa die Widersprüche, aus denen sich diese Politik entwickelt hat und überhaupt möglich war. Und sie machen, zweitens, im Ansatz transparent, was der Gegenstand dieses Verfahrens ist, genauer, was der Gegenstand rechtlicher Erwägungen hier überhaupt nur sein könnte. Nämlich die totale Bestimmung, Kontrolle und Verfügung dieses Staates nach innen und außen, Verfügbarkeit dieses Staates nach innen und außen für die Weltinnenpolitik, des Hegemonialen, des US-Kapitals. Das heißt die zentrale strategische Funktion der Bundesrepublik als ökonomisches, politisches und militärisches Sub-Zentrum des amerikanischen Imperialismus, hier entwickelt, an seiner Funktion erstens für die offene Aggression gegen die Völker der Dritten Welt, konkret an Vietnam, und zweitens die verdeckte Aggression gegen die Staaten der westeuropäischen Peripherie.
Aber juristische Kategorisierungen sind nur kodifizierter Ausdruck realer Machtverhältnisse. Die Anträge der Verteidigung werden also, wie sich das in Ihrer ganzen Geste schon andeutet, unmittelbar natürlich hilflos sein. Das infame Ritual hier wird sich über die Argumentation wälzen, als wäre sie überhaupt nicht gesprochen werden. Und auch nicht gesprochen worden, so sehen wir sie nämlich, als ein Reflex, wenn auch ein schwacher, des globalen Klassenantagonismus, der das gesamte politische Leben in den kapitalistischen Metropolen und wesentlich in der Bundesrepublik seit sechs Jahren militarisiert hat - ein Ausdruck dieser Militarisierung ist dieses Gericht und seine Verfahrensweise.
Aber dass Worte überhaupt keine Evidenz mehr haben, spricht nur über die Evidenz der Politik, der Aktion, die Sie hier verurteilen sollen. An ihr halten wir ganz sicher fest. Und wir stellen das hier nur noch mal fest: Sie genau ist es, die die monströse Unwirklichkeit des Projekts, dieser Staatsschutzküche definiert, wie sie hier seit zwölf Monaten tagt. Tatsächlich hat gegenüber der verdeckten Konzeption dieses Verfahrens ein faschistischer Militärgerichtsprozess wenigstens die Würde der Eindeutigkeit einer Maßnahme, die sich zu ihren Mitteln bekennen kann."

Um ehrlich zu sein, ich hätte kein Prozessbeteiligter an diesem Verfahren sein mögen, denn unabhängig davon, ob der Inhalt dieser Erklärungen richtig ist oder nicht, der Tonfall geht mir echt auf den Sack.

Translation: Some recently discovered tapes from the Stammheim trial vs. the German terrorists Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin and Jan-Carl Raspe with some historical value but...