20.11.07

Verfolgte deutsche Musiker Update


Gerade bei heise.de gefunden: "Amoklauf"-Song sorgt weiter für Unruhe:
Die Staatsanwaltschaft Marburg hat die Wohnräume des Anwalts der Punk-Band "Mono für alle!" durchsuchen lassen. Die Gruppe hat die Aufmerksamkeit von Ermittlern und Staatsschützern aufgrund ihres Songs "Amoklauf" auf sich gezogen und fühlt sich seitdem zu Unrecht beschattet. Dies teilte ein Mitglied der Band aus Gießen unter Verweis auf eine Erklärung des betroffenen Juristen gegenüber heise online mit. Zugleich wies der Musiker darauf hin, dass die Gruppe mit ihrem Anwalt nur verschlüsselt kommuniziert habe. Nicht nachvollziehbar ist derzeit, inwieweit auf dem Rechner des Rechtsexperten ausgetauschte Kommunikation auch im Klartext zum Zeitpunkt der Durchsuchung auf dem Rechner gespeichert war.

Dem Anwalt wird nach eigenen Angaben Begünstigung in einem Verfahren vorgeworfen. Ob für die Durchsuchung der Privaträume ein entsprechender Beschluss vorlag, sei bislang nicht bekannt. Nach Einschätzung des Vermieters erfolgte die Durchsuchung sehr oberflächlich. Es seien keine Gegenstände sichergestellt worden. Indes sind lat dem Anwalt Manipulationen an seinem Rechner vorgenommen worden. Diese müssten nun von einem Sachverständigen überprüft werden, weil der Computer überwiegend an den Wochenenden auch beruflich genutzt werde. Insgesamt sei der Eindruck entstanden, dass es nicht um das Auffinden von Akten, sondern um die Ausforschung seines persönlichen Lebensbereiches gegangen sei.

Die Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LfK) bestätigte heise online inzwischen eine Schilderung der Band, dass der umstrittene Titel von ihr nicht als jugendgefährdend eingestuft worden sei. "Es gibt dazu eine interne Bewertung der Landesmedienanstalt", erklärte ein LfK-Sprecher. Das Musikstück sei aber noch nicht Gegenstand eines offiziellen Verfahrens der Medienwächter gewesen. Eine strafrechtliche Relevanz sei jedenfalls nicht festgestellt worden, es gehe allein um Jugendschutz. Da der Song potenziell die Entwicklung Jugendlicher beeinträchtigen könnte, habe man Rundfunksendern empfohlen, ihn nicht vor 22 Uhr zu spielen. Die konkrete Handhabung liege aber in der Verantwortlichkeit der einzelnen Redakteure. Mono für alle! selbst bescheinigt dem Lied eine "therapeutische Wirkung".

(Stefan Krempl)

Siehe auch

18.11.07

Auf eins


Gestern schrie mich ein Plakat an: "In Deutschland ist Musik", und warb für eine neue Musikzeitschrift, die sich dem Genre Volksmusik - gemeint sind Schlager, Musical und volkstümliche Musik - widmet. An sich keine schlechte Idee, stecken hinter dieser Musik doch auch interessante Menschen und Geschäftsmethoden, wie z.B. Hans R. Beierlein, Manager von Udo Jürgens und der "Pate der Volksmusik" - auch wenn diese Musik jetzt glücklicherweise wieder weniger Platz im Fernsehen hat. Und Menschen wie Roy Black (Herztod nach Alkoholismus) und Rex Gildo (Tödlicher Fenstersturz in geistiger Verwirrung) sind einfach auch jenseits ihrer musikalischen Verbrechen interessante tragische Schicksale. Doch auch die Lebenden wie Les Humphries (gab sich wegen immenser Steuerschulden vorübergehend als tot aus), Christian Anders (verwirrter Guru, der sich nackt an Zäune kettete, weil sein Bruder wegen politischer Korruption verhaftet wurde) und Stefan Mross (Trompeten-Dilettant) geben gute Stories ab - werden aber wegen musikalischer Scheuklappen leider von den angeblich seriösen Magazinen wie SPEX oder ROLLING STONE ignoriert. Also beschloss ich diesem neuen Magazin mit dem obskuren Titel "Auf eins" (hat das irgendwas mit dem Titel jenes Heinz-Rudolf Kunze Live-Albums "Deutsche klatschen bei der Arbeit" zu tun?) eine Chance zu geben.

Gut, ich bin vermutlich nicht wirklich die Zielgruppe der Hamburger HEIMAT2050 Verlags GmbH, aber das Interview mit Howard Carpendale zu seiner Rückkehr ins Musikgeschäft ist ganz okay. Howie überzeugt durch ehrliche Antworten, und bei mehr Recherche über seinen musikalischen Werdegang und ein paar kluge Nachfragen hätte man echt was rausholen können, aber das wollte Stephan P. Dressel wahrscheinlich nicht, es hätte vermutlich zu sehr nach seriösem Journalismus und zu wenig nach warmherzigen Goldene Blatt-Wortgeklingel geklungen. Denn der Rest der Zeitschrift ertrinkt im Gute-Laune-Schaum. Ich mein, dass die Kastelruther Spatzen seit 23 Jahren bei sich zu Hause in Süd-Tirol ein Fantreffen organisieren, zu dem über 40.000 Leute kommen, ist schon bemerkenswert, aber dass dabei kein Wort über die Bandgeschichte, die Erwartungen der Fans und den ehemaligen Sänger Andreas Fulterer fällt, ist schon schwach. Denn optisch hat sich die Redaktion Mühe gegeben, aus dem üblichen Sumpf herauszustechen einschließlich der scheinbar jetzt in Musikzeitschriften obligatorischen Modestrecke. Aber inhaltlich wird die Zielgruppe offenbar immer noch als wenig intellektuelle Masse, die nur positive Geschichten über Liebe, Familie und Heimat lesen will, begriffen.

Okay, das Schwesterngesangstrio "Schwesterherz" und das Brüdermusikertrio "Dorfrocker" an einen Tisch zu setzen, um sich mit ihnen über Familie und so zu unterhalten, ist schon im Ausgangspunkt ein Fehlgriff, weil junge Menschen eben noch nicht so viel Erfahrung und gute Geschichten zu erzählen haben. Zu dem Thema interessanter war letztens das Interview mit Jim Reid von "Jesus and Mary Chain" in SPEX 7-8/2007, wo Reid berichtet, dass Geschwister sich oft gegenseitig in der Hand haben, weil sie jede Wunde und Unsicherheit des anderen kennen. Die familiären Bande könnten eine starke Loyalität erzeugen, aber Kämpfe untereinander seien viel verletzender. Und der ROLLING STONE hat schon im Dezember 2004 viel interessanter und tiefschürfender über James Last geschrieben als Sabine Manecke das jetzt tut (und sollte es vielleicht mal demnächst über Howie tun, der sich möglicherweise nicht zu Unrecht als Deutsche Entsprechung zu Neil Diamond versteht). Was beweißt, dass dies Musik tatsächlich guten Journalismus verträgt und nicht bloß Hofberichterstattung, Kreuzworträtsel, Horoskope, Traumdeutung, Kochrezepte - mit einer peinlichen Fotostrecke mit den totgeschminkten Maria und Margot Hellwig -, Tourneedaten - okay, vielleicht ist die Zielgruppe nicht so internetaffin wie Rock- und Popfans - und Plattenbesprechungen mit maximal 50 Worten. Aber Nana Mouskouri - immerhin Gegnerin der griechischen Militärdiktatur der 1970er Jahre - hat für ihre Abschiedstournee nicht wirklich nur 60 Zeilen verdient. Und was haben die 6 Seiten über einen Burgenländer Winzer mit Musik zu tun? Und schließlich ist der offene Brief an Peter Alexander einfach nur peinlich. Woher nimmt sich diese junge schnöselige Redaktion das Recht, diesen alten Haudegen der sauberen Familienunterhaltung zur Rückkehr auf die Bühne aufzufordern in die Welt von Tokio Hotel und Aggro Berlin, wo er nur scheitern kann (schließlich funktioniert auch der Humor eines Heinz Ehrhard heute nur noch bedingt, weil das Wissen des Bildungsbürgertums, mit dem er damals spielte, heute stetig verloren geht - was ja auch das Erfolgsgeheimnis eines Günther Jauch ist)?

Dies war die erste Ausgabe, aber das kann noch besser werden. Schließlich war die erste Sendung von Schmidt und Pocher vor 4 Wochen ja auch eine absolute Katastrophe, die Anlass zu der Vermutung gab, Herr Schmidt wolle durch schlechte Sendungen ein vorzeitiges Ende des Vertrags mit der ARD erzwingen, etwas, was ja auch Rockbands gerne mal machen, indem sie mit der Vorlage absichtlich schlechter Demos Plattenfirmen dazu veranlassen, Optionen auf Fortsetzung von Verträgen nicht wahrzunehmen. Inzwischen sind Schmidt und Pocher deutlich besser geworden - auch wenn Pocher mit dem Lachen über Schmidts Witze doch echt nervt - und so gebe ich vermutlich "Auf eins" noch mal eine Chance - in der nächsten Ausgabe soll ein großes Interview mit Peter Kraus kommen, sowie ein Konzertbericht über "Pur" (beides eigentlich auch potentielle Themen des ROLLING STONE) -, denn wie gesagt, auch die Volksmusikszene hat trotz ihres schlechten Ansehens einige interessante Geschichten zu bieten, man muss nur bereit sein, sie auch zu schreiben.

16.11.07

Verfolgte deutsche Musiker


Gerade bei heise.de entdeckt: Punk-Bands, ostdeutsche Zeitschriften und Journalisten im Überwachungsnetz (Hervorhebungen von mir):

Zu Unrecht beschattet fühlt sich derweil auch die Band "Mono für Alle!" (MfA). Die Punkformation aus Gießen stand aufgrund von kritischen Texten etwa beim Lied "Hallo Verfassungsschutz" schon einmal im Zentrum der Aufmerksamkeit der bayerischen Staatsschützer, welche die Löschung der Songprosa von der Homepage der Musikgruppe verlangte. Nun meldet MfA, dass auch die Staatsanwaltschaften Stuttgart und Gießen seit knapp einem Jahr gegen sie aufgrund des Lieds "Amoklauf" ermittle. Demnach soll der mit dem Fall beauftragte Staatsschutz das Umfeld der Bandmitglieder observiert, Schulakten durchforscht und Konzertveranstalter kontaktiert haben. Zudem habe sich ein Fahnder mit einer extra angelegten E-Mail-Adresse im Fanklub von MfA angemeldet. Dies alles sei ohne Kenntnis der Bandmitglieder geschehen, die nach eigenen Angaben erst kürzlich aufgrund der Befragungen in ihrem Umfeld von den Ermittlungen erfahren haben.

Laut der inzwischen erfolgten Akteneinsicht starteten die Verdachtsmomente im Dezember 2006, als die Polizeidirektion Waiblingen auf den Song "Amoklauf" gestoßen sei und diesen in einer E-Mail an die Stuttgarter Staatsanwaltschaft als "sehr aggressiv und aufreißerisch" beschrieben haben soll. Erwähnt wird unter Bezug auf ein Interview mit der Band aus einem Computerspiele-Magazin, dass das Lied nicht vor 22 Uhr im Radio laufen dürfe. Nicht hervorgehoben wird die darin ebenfalls enthaltene Passage, dass MfA selbst dem Lied eine therapeutische Wirkung unterstellen, die vom Amoklaufen abhalte. Genauso fehlt der Hinweis, dass das Stück Medienwächtern zufolge klar unter die in Artikel 5 Grundgesetz garantierte Kunstfreiheit fällt. Die Staatsanwaltschaft selbst kommt laut der Ermittlungsakte zu dem Schluss, dass der Titel in Zusammenhang mit Amokläufen an Schulen gesehen werden müsse und wittert eine "Anleitung zu Straftaten" gemäß Paragraph 130a StGB.

Der Fall wandert an die Staatsanwaltschaft Gießen weiter, welche den Staatsschutz mit weiteren Ermittlungen beauftragt. Dieser unterstellt der Band ein "extrem konspiratives Vorgehen", da es "keinerlei Anhaltspunkte zur Identifizierung der Mitglieder" gebe. Die folgenden Observationen konzentrierten sich laut MfA zunächst unter anderem auf die Durchforschung des Internet, die Online-Bestellung von Tonträgern sowie die Auswertung von Fotos und Interviews. Auch Veranstaltungszentren, an denen Auftritte der Gruppe geplant sind, sollen ins Visier der Fahnder geraten sein. Erst acht Monate nach dem Beginn der Ermittlungen kommen die Staatsschützer laut der Akte auf die Idee, eine Whois-Abfrage über die Domain der Band-Webseite zu stellen. Die dabei herausgefundenen personenbezogenen Daten nutzten sie MfA zufolge, um im Familien- und Bekanntenkreis herumzuschnüffeln und Persönlichkeitsprofile zu erstellen. Mono für Alle! hat nun einen Rechtsanwalt eingeschaltet.

(Stefan Krempl)

Wenn der Staatsschutz nicht allzu doof war hat er natürlich auch meinen Blog entdeckt und in seinen Akten gespeichert. Vielleicht bin ich auch schuld, weil ich den Song Amoklauf am 22.11.06 geblogt habe und danach Lieder von den Beatles und Kirchenmusik - und da könnte ich mir schon vorstellen, dass ein(e) gelangweilte(r) Polizist(in) bei der Polizeidirektion Waiblingen nach sowas sucht und hinterher das private Surfvergnügen als verdachtsunabhängige Ermittlingsarbeit darstellt. Ich hoffe Mono Für Alle nehmen meine vorsorgliche Entschuldigung an so wie Helmut "Seine Frau im Dunkeln in Ludwigshafen sitzen zu lassen ist kein Ideal" Kohl die von Wolfgang "Ich habe weder Kritik an Kohl geübt noch ihm einen Vorwurf gemacht" Thierse. Und übrigens an dieser Stelle ein herzliches FUCK YOU an Pekka-Eric Auvinen. Hättest du mal besser "Loser" von Beck angehört (I'm a loser baby, so why don't you kill me?) anstatt "Stray Bullet" von KMFDM. Andererseits: wenn sich alle Nazis umbringen bevor sie Führer werden ist das schon okay, aber bitte ohne Kollateralschaden.